Juden in Königstein (II)

Veröffentlicht am 12.04.2005 in Presse

Im November 2004 erhielt die SPD Königstein aufgrund einer Nachfrage in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem Informationen über das Schicksal von acht bislang unbekannten Bürgern, die von Königstein aus in ein Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. (Wir berichteten darüber im November 2004).

Nun konnte von zwei Königsteiner Bürgern jüdischen Glaubens, Moritz Seligmann und Siegmund Henlein Näheres zu deren Identität geklärt werden.

Moritz Seligmann war zur Zeit seiner Deportation etwa 50 Jahre alt und hat sowohl im Hotel Bender in der Küche als auch in der Klinik Dr. Amelung gearbeitet. „Ich muß weg“, soll der alleinlebende Mann gesagt haben, als der Befehl kam, sich an der Frankfurter Festhalle einzufinden, wo sein Weg in ein Konzentrationslager begann. Zum Abschied schenkte Moritz Seligmann seiner Chefin noch seinen Gehrock „aus guter Wolle“ für deren Tochter und meinte, dass aus ihm „noch ein warmer Mantel zu nähen sei“ wie die Zeitzeugin berichtete. „Ich komme bestimmt nicht mehr zurück“ hat er noch hinzugefügt und somit wohl gewußt, welches Schicksal ihn erwarten würde.

Außer dem Gehrock übergab Moritz Seligmann seiner Chefin auch einen weinroten Samtbeutel, versehen mit einem goldenen Monogramm der Buchstaben M. B. S. Auf der Rückseite befinden sich ältere Spuren einer hebräischen Signatur mit den Buchstaben „j“ und „r“. Der Frankfurter Rabbi Andy Steiman vermutet, dass dieser Beutel einst zur Aufbewahrung von Gebetsriemen diente. Er soll nun als eines der wenigen Zeugnisse jüdischen Lebens in Königstein im Heimatmuseum einen würdigen Platz finden. Um die religiöse Bedeutung dieses Beutels deutlich zu machen, hat Andy Steiman zwei Gebetsriemen als Leihgabe der Frankfurter Henry-und-Emma-Budge-Stiftung dem Heimatmuseum zur Verfügung gestellt.

An Moritz Seligmann erinnert sich auch eine weitere Königsteiner Zeitzeugin noch gut. Sie erzählte, dass Schneidermeister Ramsthaler die Pflicht gehabt habe, Moritz Seligmann einen Judenstern auf seinen Mantel nähen zu müssen. Doch um den Mann nicht ganz seiner Würde zu berauben, nähte der Schneidermeister den gelben Stern, der ihn als „Juden“ kennzeichnen sollte, so dicht am Revers, dass dies zwar den Forderungen der Nationalsozialisten genügte, sobald aber Seligmann den Kragen weit genug runter schlug, der Stern unsichtbar wurde.

Eine weitere Zeitzeugin wußte ein wenig über Siegmund Henlein zu berichten. Siegmund Henlein sei ein älterer Mann und frommer Jude gewesen und gehörte zur Familie Gemmer. Die Zeitzeugin glaubte bislang, dass Siegmund Henlein der Holocaust erspart geblieben sei und er in Königstein verstorben war. Doch auch sein Name in der Halle der Opfer des Holocaust besagt nun, dass auch sein Weg von Königstein aus in ein Vernichtungslager und in den Tod führte.

Moritz Seligmann und Siegmund Henlein und die weiteren sechs nun aufgefundenen Namen von Opfern des Holocaust sollten in die nächste Auflage des Buches „Juden in Königstein“ aufgenommen werden. Darüber hinaus bitten wir alle noch lebenden Zeitzeugen weiterhin um Informationen über das Schicksal von Königsteinern wie Moshe, Rachel, Abraham, Lena und Else Chojnacki bzw. Chojnackl oder Isaak Bamberger. Die Erinnerung an diese Königsteiner Bürger darf nicht aufhören.

 

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