Erinnerung an Willy Brandt

Veröffentlicht am 02.10.2013 in Presse

Cornelia Goossens

Das Balkonzimmer in der Villa Borgnis war gut besucht, und viele Besucher konnte die Vorsitzende, Dr. Ilja-Kristin Seewald begrüßen. Die Mitglieder und Freunde der SPD Königstein trafen sich dort am 19. September, um an Willy Brandt zu erinnern, der in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden wäre.

Die Cornelia Goossens, Schauspielerin und Literaturwissenschaftlerin, las Texte von Willy Brandt und von seinen Weggefährten Egon Bahr, Horst Ehmke, Erhard Eppler, Björn Engholm und Felipe González; Erinnerungen von den Angehörigen Lars, Matthias und Ruth Brandt und von anderen bedeutenden Begleitern seines politischen Handelns wie Richard v. Weizsäcker, Horst Eberhard Richter und Erich Fried.
Die Texte zeichneten Stationen des politischen Lebens Willy Brandts nach: den frühen Eintritt in die SPD und die vorübergehende Mitgliedschaft in der SAPD kurz vor dem Ende der ersten deutschen Republik, die Zeit der Emigration und des Widerstandes gegen die nationalsozialistische Diktatur und den Beitrag Willy Brandts zum Wiederaufbau des Landes; die Zeit als Berliner Abgeordneter im Deutschen Bundestag, dann als Regierender Bürgermeister von Berlin, die zunächst erfolglosen und dann später erfolgreichen Kandidaturen für das Amt des Bundeskanzlers, die Verdienste um die deutsche Außenpolitik – zunächst als Außenminister der großen Koalition, dann als Kanzler und Architekt der erfolgreichen Ostpolitik- , aber auch die Umstände seines Rücktritts vom Kanzleramt und die dann folgende Zeit, in der er neben dem Amt als Vorsitzender der SPD, Präsident der Sozialistischen Internationale und Vorsitzender der „Unabhängigen Kommission für Internationale Entwicklungsfragen“ (Nord-Süd-Kommission) war.
Mit der Auswahl der Texte beleuchtete Cornelia Goossens sehr eindrucksvoll den Charakter Willy Brandts, eines Menschen, der den Menschen seiner direkten Umgebung gegenüber oft verschlossen wirkte und sich doch den vielen Menschen, für die er in seinem politischen Handeln Verantwortung trug, sehr empathisch zuwenden konnte.
Es war ein Abend, der den Mitgliedern die Rückbesinnung auf die Werte, für die Willy Brandt immer stand, erlaubte. Zugleich konnten sie sich damit auseinandersetzten, wie diese Werte von der SPD auf die Fragen, die sich heute stellen, übertragen werden können. Denn mit der Rückbesinnung auf Willy Brandt verbinden die Königsteiner Sozialdemokraten auch die Hoffnung, eigene Antworten für die jetzige Zeit zu finden. Für eine Zeit, die immer stärker vom ich und weniger vom wir geprägt ist und in der die Spaltung der Gesellschaft immer mehr zunimmt. Das merken die Menschen, sie möchten es nicht und suchen nach Wegen, es zu ändern. Hier, so war der Tenor der Diskussion, kann man ansetzen, um Menschen zu gewinnen, dass sie sich engagieren und bei der Gestaltung der Gesellschaft mitwirken. Immerhin: Im legendären Wahlkampf 1972, als Willy Brandt mit fast 46% der Zweitstimmen das beste Ergebnis erzielte, das die SPD bei bundesweiten Wahlen je erreichen konnte, traten 156000 Menschen der SPD bei.
Erst der Beruf, dann das politische Interesse und noch viel später das politische Engagement, das nagt heute an der Mobilisierungsfähigkeit der politischen Parteien.
Flankiert war die Veranstaltung von der viel beachteten Ausstellung 150 Jahre SPD, die von Cornelia und Michael Schell erstellt worden ist. Auf wenigen Tafeln mit eindrucksvollen Texten und Photographien wurden die markanten Punkte der Parteigeschichte nachgezeichnet: die Gründungsphase, das Ringen um gesellschaftliche Veränderungen im Kaiserreich, der Erste Weltkrieg, die Gründung der ersten Deutschen Republik mit ihren bleibenden Erfolgen und ihrem Scheitern, Widerstand und Verfolgung, die Beteiligung am Aufbau der Bundesrepublik, die programmatische Neuorientierung der SPD am Ende der 50er Jahre, die Zeit der sozialliberalen Koalition und die weitere politische Entwicklung bis heute.
Ein gelungener Abend, fanden die Teilnehmerinnen und Teilnehmer, der geschichtliches Bewusstsein mit der Motivation für politisches Handeln im Hier und Heute gut verband.

 

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